Musik
„Music is love in search of words“ erklärt mir ein vergilbtes Art-Deco-Plakat über dem Klavier in der Kneipe, die wir heute zum allerersten Mal besuchen. Wie wahr, denke ich. Wann wohl zuletzt jemand darauf gespielt hat, frage ich mich. Ob es gestimmt ist? Und von wem ist überhaupt dieses schöne Zitat?
Bevor ich den Gedanken zu Ende bringe, quillt aus dem Jackenberg auf der Eckbank ein grauenhaftes Geklimper, das sich als Intro eines Beyoncé-Songs entpuppt. Diese „Liebe auf der Suche nach Worten“ hat der Urheber wohl nicht gemeint, denke ich und schenke meinem Gegenüber, das nach seinem Handy gräbt, ein mildes Lächeln. Zur Erklärung: Er hört Top 40. Ich nicht. Ich mag keine Musik-Imitationen. Geräusche, die klingen wie Musik, aber nur kalkuliert vorgetragenes Computerwerk sind, in dem das einzig Echte der Gesang zu sein scheint. Und selbst der ist nach zahllosen Processing-Stufen kaum noch als menschlich zu erkennen.
Musik ist für mich etwas anderes. Glück, Leiden, Sehnen, Verzweifeln, Lieben, Begehren! Musik, das ist 12-Saiten-Gitarre mit Gesang in Fußgängerzonen und wildfremde Seelen berühren. Nicht mit dem hundertsten Xavier *schnarch* Naidoo Cover, sondern mit Selbstgeschriebenem. Selbstempfundenem. Musik bedeutet: Hände auf Klaviertasten legen, Augen schließen und treiben lassen. Von A-Dur nach Cis-Moll gleiten und nicht wissen, wohin als nächstes. Riskieren, sich zu verlaufen in der Schönheit der Intervalle, Melodieverläufe und Modulationen. Musik ist, wenn es etwas bedeutet, sich nach etwas anfühlt. Die Technik hat der Komposition zu dienen. Nie umgekehrt!
Und während mein Gegenüber sein Handy wieder wegpackt, ertönt Vinylknistern in den Lautsprechern, und die ersten Töne von „The Great Gig in The Sky “schmeicheln sich in unsere Sinne… Na also, geht doch!